Archiv des Autors: Lisa Wild

„Sagen Sie mal, ist die Kindheit eigentlich wirklich an allem schuld?“

Neulich im Gespräch fiel, wie so häufig, mal wieder die Frage nach der psychologischen Rolle der Kindheit – ein bisschen ablehnend, ein bisschen trotzig, ein bisschen neugierig und ein bisschen bange. Am Ende des Gesprächs bin ich gebeten worden, hierzu doch einen Beitrag auf meine Seite zu stellen. Dieser Bitte komme ich sehr gerne nach.

Um es vorweg zu nehmen: die Kindheit ist natürlich sehr prägend, ob es einem nun gefällt oder nicht. Dennoch ist „die Kindheit“ weder schuld, noch sollte sie als Ausrede herhalten für anhaltende, eventuell sogar schädigende oder schädliche Verhaltensmuster, Schuldzuweisungen und ähnlichem.

Ein paar Hintergründe

Kindheit, Erziehung, die Rolle der Eltern, Großeltern und sonstigen Bezugspersonen, Erlebnisse, Vorbilder, Familienmuster, inner-familiär gelebte Glaubenssätze usw. – alle Aspekte sind an den Prägungen beteiligt, die im Laufe der Zeit ihre Spuren hinterlassen. Ein Leben lang, von der Geburt bis zum Tod, mal mehr und mal weniger, mal direkt durch eigenes Erleben und mal indirekt durch transgenerationale Weitergabe oder durch Zusehen.

Der entscheidende Unterschied, warum die Kindheit eine durchaus bedeutende Rolle spielt, ist: Babys und Kinder nehmen Ihre Umwelt anders wahr als Erwachsene. Das liegt einerseits daran, dass logisches Denken und Reflektieren sich bei ihnen erst entwickelt. Kinder nehmen Stimmungen im Umfeld also direkter auf der Gefühlsebene auf, ihre eigenen erwachenden Emotionen als Reaktion auf Erlebtes sind manchmal sehr überwältigend und müssen eingeordnet und verdaut werden. Diese Verarbeitung wird wiederum von den Reaktionen der Umgebung maßgeblich beeinflusst. Ein Kreislauf.

Erwachsene hingegen können mit etwas Übung jederzeit bewusst zwischen den Ebenen logisches Denken, Gefühl und Intuition wechseln, ja sogar den Übergang von einem zum anderen verfolgen, sich selbst beobachten, in eine Meta-Ebene wechseln, verschiedene Blickwinkel einnehmen, sich von Reaktionen anderer distanzieren oder abgrenzen und vieles mehr.

Ein weiterer Aspekt: im kindlichen Weltbild ist das Kind selbst der Mittelpunkt.

In Verbindung mit dem sogenannten magischen Denken bei Kindern entstehen völlig andere Interpretationen in Bezug auf Ursache und Wirkung als bei Erwachsenen. In der Folge können zum Beispiel Themen wie

  • Schuldgefühle
  • Scham
  • Selbstwertentwicklung
  • andere Personen sind vorrangig
  • und vieles andere mehr

ein Problem werden.

Übrigens sind beide Entwicklungsstufen – der Mittelpunkt der eigenen Welt zu sein und das magische Denken – notwendig und wichtig, um zum Beispiel ein gesundes Ich-Bewusstsein zu entwickeln, als Vorstufe zum rationalen Denken, etc.

Im Kindesalter werden Erlebnisse also grundsätzlich anders wahrgenommen, interpretiert und verarbeitet als bei einem (sich selbst reflektierenden) Erwachsenen. Selbst innerhalb der Familie, unter Geschwistern, wird sich sehr wahrscheinlich der eine anders erinnern als der andere. Was dementsprechend auch unterschiedliche Folgen in der jeweiligen Psyche nach sich zieht. Es kommt in der Hauptsache somit darauf an, WIE ein Erlebnis hängen bleibt.

Wenn Sie nun dem auf den Grund gehen, was Sie in ihrer Kindheit geprägt hat, geht es jedoch nie um Schuldzuweisungen (an Familie, andere beteiligte Personen oder gegen sich selbst). Das würde niemandem weiter helfen, am wenigsten Ihnen selbst.

Im Gegenteil: es nimmt Ihnen Ihre Freiheit, Ihre Entscheidungs- und Wirkungsmacht über Ihr eigenes Leben, Ihre Möglichkeit der Weiterentwicklung. Wie bereits im Beitrag „Beziehungen, Liebe und all das…“ erwähnt, geht es vielmehr um ein Verständnis für Ursachen, Zusammenhänge, Auslöser.

Es geht darum, sich selbst UND andere zu verstehen, mit Abstand neu zu betrachten. Und dann zu entscheiden, ob die eigenen (kindlichen) Interpretationen dieser Erlebnisse und Prägungen und deren Folgen im Erwachsenenalter noch Bestand haben sollen. Welche Sichtweise oder innere Haltung Sie stattdessen einnehmen möchten. Was Ihr neuer Kompass werden soll.

Ein starkes Ich

Das alles bringt Sie in Ihre eigene Stärke und Selbstverantwortung, verändert den Fokus von der unveränderlichen, da bereits passierten Vergangenheit hin zu den Gestaltungsmöglichkeiten der Gegenwart.

Nutzen Sie Ihre eigene Kindheit als eine Möglichkeit, sich selbst bewusster zu werden und einen neuen Blick auf alles zu wagen. Mit dem Fokus auf sich statt auf andere. Geben Sie sich für alles ausreichend Zeit. Gehen Sie mit Wohlwollen, Geduld, Ausdauer und Mut an diese Entdeckungsreise heran. Und wenn Sie an Grenzen stoßen oder traumatisierende Ereignisse vorliegen, suchen Sie sich professionelle Hilfe.

Ihre Kindheit ist nicht „schuld“. Dennoch hat sie einen sehr prägenden Einfluss auf Ihr Leben bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sie sich mit ihr auseinandersetzen. Viel Erfolg dabei!

 

Frohe Ostern

„Es sind nicht die bunten Farben, die lustigen Töne und die warme Luft, die uns im Frühling so begeistern.

Es ist der stille, weissagende Geist unendlicher Hoffnungen, ein Vorgefühl vieler frohen Tage, des gedeihlichen Daseins so mannigfaltiger Naturen, die Ahnung höherer, ewiger Blüten und Früchte und die dunkle Sympathie mit der gesellig sich entfaltenden Welt.“

Novalis

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Ich wünsche allen Klienten und Besuchern meiner Website schöne und entspannte Ostertage!

Herzlichst, Ihre Angela Diez

Buchtipp #12 Danke, gut genug! – Perfektionismus entspannt hinter sich lassen

(Gabi Ingrassia, Verlag Scorpio 2016, ISBN 978-3-95803-077-0)

Klappentext

Wege aus der Perfektionismus-Falle

Innere Zufriedenheit statt Erfolgszwang
Der Drang nach Selbstoptimierung und Perfektion lähmt und kann sogar krank machen. Kluge und gut umsetzbare Praxistipps einer erfahrenen Psychotherapeutin verhelfen zu mehr Gelassenheit

Sich für die eigenen Stärken wertschätzen
Erkennen Sie, wo Ihnen Perfektionismus nutzt, wo Sie ihn weiter ausleben wollen – und wo nicht.

Leicht geht’s besser
Abwechslungsreich und ideenstark: Mit vielen Fallbeispielen und Reflexionsfragen für den Aha-Effekt im Alltag.

Mein Eindruck

Auf den ersten Blick:
Angenehmes Format, modernes und frisches Design, mit 95 Seiten nicht zu kurz und nicht zu lang, aufgelockert durch unterschiedliche Seitengestaltung, Wissensvermittlung wechselt sich mit Tipps, Übungen und treffenden Sprüchen ab. Informativ, zeitgemäß, charmant.

Auf den zweiten Blick:
Der Autorin gelang ein Buch, das nicht nur ausreichende und fundierte Information bietet, sondern fast schon einen Workbook-Charakter hat.

Beispiele, Fotos und Sprüche lockern die Theorie auf und machen anschaulich, worum es ihr geht. Fragen, Tests und Tipps, sowie Übungen helfen, das Thema nicht nur theoretisch und logisch zu erfassen, sondern es in der Praxis, mitten im Leben, nutzbar zu machen. „Tun“ muss man es allerdings schon selbst. Auch wenn vielleicht die ein oder andere Übung nicht für jeden passend ist, ist insgesamt auf jeden Fall genug für jeden enthalten.

Das Buch ist in drei große Kapitel unterteilt: Perfektionismus unter der Lupe, Zeit für Veränderung und Räumen Sie Ihren Weg frei. Die Kürze der einzelnen (Unter-)Abschnitte ermöglicht auch einen entspannten Zugang zum Thema. Also ganz passend zum Thema.

Der Band ist Teil der Buchreihe „Leichter Leben“ des Scorpio Verlags. Im Klappentext heißt es hierzu: „Die Reihe >>Leichter Leben<< steht für Bücher, die unterstützen und Spaß machen. Uns geht es darum, Sie zu einem neuen Lebensgefühl zu inspirieren und Sie bei entspannten Veränderungsprozessen zu begleiten.“ Mit diesem Selbsthilfe-Ratgeber ist das meiner Meinung nach durchweg gelungen.

Fazit: Lesenswert – für alle, die Ihrem Perfektionismus entspannter begegnen wollen.

Buchtipp # 11 Die Weisheit des Erfolgs. Von der Kunst, mit natürlicher Autorität zu führen.

(Evelin Kroschel, Verlag EKL-Edition 2008, ISBN 978-3-00-022044-9)

Klappentext

„Ein sehr interessantes Buch, das sich wohltuend von jenen der Management-Schreibgurus abhebt: Es ist informativ und zeigt neue Aspekte auf! Natürliche Autorität wird in ihren lernbaren Komponenten erkennbar und der Rachedynamik wird aufgrund direkter und indirekter Kränkungen eine zentrale Rolle als Innovationsbremse zugewiesen. Mit ihrem ‚Rad der Motive‘ entlockt die Autorin, Psychotherapeutin und im Management-Coaching erfahren, dem Leser sehr konstruktive Assoziationen. Es macht Spaß, das Buch zu lesen.“ (Prof. Norbert Szyperski, Universität zu Köln)

„Die Psychologin Evelin Kroschel hat das bestätigt, was man schon lange geahnt hat: Macht macht glücklich. In ihrer spannenden Abhandlung beleuchtet die Autorin das Phänomen Macht. (…) Die Ausübung von Macht muss nicht gleichbedeutend sein mit Manipulation, Intrige und Gewalt. Wer erfolgreich sein will, sollte Macht lieber so definieren: als Einfluss und Größe.“ (Westdeutsche Allgemeine Redaktion)

„Die Weisheit des Erfolgs. Von der Kunst mit natürlicher Autorität zu führen … und von der höchsten Kunst, sich selbst zu führen!“ (Manager-Magazin)

„Prädikat: Empfehlenswert.“ (Visionen)

Mein Eindruck

Vorneweg: ich bin befangen. Dieses Buch ist das Grundlagenbuch für Führungskräfte meiner Mentorin Dr. Evelin Kroschel-Lobodda. Ich arbeite seit mehr als 11 Jahren mit der von ihr entwickelten und im Buch in den Grundzügen geschilderten Theorie zu Kränkungsdynamiken und Bedürfnissen. Und bin damit immer ausgezeichnet gefahren.

Doch nun zum Inhalt.

Sie finden im Buch in 8 Kapiteln grundlegende Erklärungen zu den Themen Macht und Ohnmacht, Bedürfnisbefriedigung, natürliche Autorität, Kränkungsdynamiken, das Motivrad zu der von ihr entwickelten Bedürfnistheorie samt Training und einiges zur Kunst der intuitiven Führung.

Das Buch baut Schritt für Schritt alle Informationen auf, die man benötigt, um sich den Gesamtzusammenhang erschließen und das von Dr. Kroschel-Lobodda entwickelte Modell verstehen zu können.

Auf den ersten Blick jedoch scheint es ein sehr einfaches Modell zu sein. Beschäftigt man sich dann länger damit, wird einem erst bewusst, wieviel Komplexheit sich letztlich dahinter verbirgt. Aus Erfahrung kann ich sagen: nach so langer Zeit entdecke ich immer wieder noch etwas Neues. Damit bildet es für mich die vielschichtigen Zusammenhänge des Lebens (und damit auch gelingender Menschenführung) besser ab als jedes andere Bedürfnis-Modell.

Und genau aus diesem Grund ist das Buch nicht nur für Führungskräfte geeignet. Jeder Mensch profitiert davon, menschliches Miteinander besser zu verstehen. Und genau das ist ein Effekt, der nach ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Buch eintritt.

Fazit: Lesenswert – für alle, die gut und menschlich führen möchten oder mehr über das menschliche Miteinander verstehen wollen.

Beziehungen, Liebe und all das…Fragen, Gedanken, Antworten auf dem Weg zu einer erfüllenden Beziehung

„Deine Aufgabe besteht nicht darin, nach Liebe zu suchen, sondern alle Hindernisse in dir selbst aufzuspüren, die du dagegen aufgebaut hast.“
-Rumi

Es gibt Situationen, Ereignisse, Verletzungen in Beziehungen, die – auf ihren Kern reduziert – in sehr vielen Beziehungen gleich oder ähnlich ablaufen. Die Fragen, die hierzu von Paaren und Einzelpersonen, von alt und jung, quer durch alle Berufs- und Bildungsschichten an mich heran getragen werden, ähneln sich oft sehr.

Zumeist ist bei zwischenmenschlichen Problemen irgendeine Form von Angst enthalten: Angst vor dem Alleinsein. Angst vor Nähe. Angst vor Verlust oder dem Verlassenwerden. Angst vor dem Schönen. Angst vor Zurückweisung. Angst vor Fehlern. Angst, sich selbst zu verlieren. Angst, sich im Anderen zu verlieren. Angst davor, dass es einfach gut sein kann, wie es ist (ja, auch das kann Angst machen). Angst davor, dem anderen nichts vorspielen zu können, sich wirklich zeigen zu müssen. Angst, nicht gut genug zu sein. Angst, die eigene Freiheit zu verlieren. Angst, dass sich etwas Schreckliches wiederholt. Angst, dass die eigenen Schattenseiten entdeckt werden. Angst vor dem Vergleich mit anderen. Angst, Angst, Angst… Die Liste ließe sich schier endlos erweitern.

Diese eigenen Ängste in jedem selbst sind die Hindernisse, von denen Rumi in obigem Zitat spricht. Das Dilemma: zu wenige Menschen kennen sich so gut, dass ihnen ihr Innerstes samt seiner Ängste und Schattenseiten, also ihre inneren Hindernisse, wirklich bewusst sind. Und falls doch, sind sie alleine dadurch noch lange nicht überwunden. Ängste können sehr hartnäckig sein. Immer wieder kommen sie mit einer anderen Maske um die Ecke und machen einem das (Beziehungs-)Leben schwer.

Wenn dann noch (Macht-)Spielchen dazu kommen, die in zu vielen Beziehungen ihr Unwesen treiben (z.B. wer hat „mehr“ recht), das Tauziehen darum, wer eigentlich Täter und wer Opfer ist, ohne zu merken, dass jeder beides ist, diese ganzen Muster, die sich genauer betrachtet aus den obigen Ängsten entwickeln, dann – spätestens dann – bleibt die Liebe auf der Strecke. Nicht unbedingt, weil keine Liebe mehr da wäre. Das ist sogar eher seltener der Fall. Sondern weil sie in den Hintergrund tritt. Die Auswüchse und Äußerungen der Angst sind nun mal lauter als die Liebe.

Aber was tun? Wie kann diese unglückliche Dynamik unterbrochen werden, die auf beiden Seiten nur zu Verletzungen führt und letztlich dann nur noch Verlierer zurücklässt?

Zuerst braucht es den Mut, vor sich selbst zuzugeben, was da eigentlich in einem ist.

Was fühlt man im Einzelnen tief in sich? Was hat zum Beispiel die jetzige Situation mit den eigenen Prägungen zu tun? Woher kennt man das noch, was da gerade in einem passiert, wie es sich anfühlt? Wann und warum sind innere negative Überzeugungen entstanden, die immer und immer wieder dieselben leidvollen Erfahrungen verursachen? Mit welchen Gedanken und Interpretationen quält man sich immer wieder, obwohl sie sehr schmerzhaft sind? Und in den meisten Fällen mit den Tatsachen wenig bis gar nichts zu tun haben, also noch nicht mal wahr sind. Warum kann man dem Partner nicht Vertrauen oder Glauben schenken – vielleicht sogar als Vorschuss?

Wo liegen sie, die wahren Ursachen? In den allerwenigsten(!) Fällen liegen sie tatsächlich beim derzeitigen Partner.

Ich höre Sie schon sagen: „Moment mal! Wo denn sonst? Schließlich hat er/ sie mir dieses und jenes angetan und überhaupt…“

Das ist jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was ist.

Die wahren Ursachen für Beziehungs-Dilemmata beginnen häufig sehr viel früher. Aber Achtung: es geht nicht um Schuldzuweisung! Es kommt immer darauf an, was jeder für sich selbst aus Geschehnissen und Prägungen macht. Gehen Sie also auf die Suche – aber mit Bedacht, Wohlwollen und ehrlicher Reflexion. Ändern können Sie weder Vergangenes, noch andere.

Sie können aber sehr wohl beeinflussen, wie lange oder wie stark etwas Vergangenes – Erlebnisse, Prägungen, Überzeugungen bzw. innere Glaubenssätze – Macht über Ihr (Gefühls-)Leben hat und wie Sie daraus resultierend auf Situationen reagieren. Und ich finde, das ist eine gute Nachricht. Denn dadurch erhalten Sie Ihre Wirksamkeit und die Möglichkeit zurück, Ihr eigenes Leben selbst zu gestalten.

Wer sich gut kennt und weiß, wer er ist und was ihn ausmacht, wer wirklich Eigenverantwortung übernimmt, sich seiner Handlungen und Worte bewusst ist und was sie bei anderen auszulösen vermögen, achtsam ist in Bezug auf Projektionen und (Fehl-)Interpretationen, sich dabei selbst auch noch mag und einigermaßen in seiner Mitte ist, verliert sich immer weniger in Machtspielchen, Täter-Opfer-Dynamiken, Kränkung und Rache. Und nebenbei bemerkt: es ist dann quasi unmöglich, sich im Anderen zu verlieren.

Gehen Sie zielstrebig dabei vor, gleichzeitig aber geduldig mit sich. So eine Veränderung braucht seine Zeit. Das, was Sie über Jahre oder Jahrzehnte geprägt oder begleitet hat, Ihnen Angst gemacht hat, verabschiedet sich nicht in ein paar Sekunden, nur weil Sie – leger formuliert – zufällig ein paar Zusammenhänge entdeckt haben und mal ‘ne Minute darüber nachdenken. Ein wenig Ausdauer und Nachhaltigkeit ist durchaus hilfreich. Ebenso wie Hilfe von außen: durch den Partner, die Familie, einen guten Freund oder eben auch mal durch einen Coach oder Therapeuten.

Mein Tipp: Fragen Sie sich immer wieder: was wollen Sie stattdessen? Statt der Angst, statt dem Streit, statt den unsäglichen Mustern, die immer wieder weh tun. Und was würden Sie tun, wenn Sie keine Angst hätten?

Und zu guter Letzt: erinnern Sie sich immer wieder aufs Neue an die Liebe und was sie ausmacht.

Buchtipp #10 Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt. Vier Schritte zu einer einfühlsamen Kommunikation.

(Serena Rust, Verlag Koha 2013, ISBN 978-3-936862-77-5)

Klappentext

Stell dir vor, du bist sauer auf deinen Partner – und du kannst es so ausdrücken, dass er es versteht, ohne sich angegriffen zu fühlen. Oder – deine Partnerin macht dir einen Vorwurf – und du verstehst, was sie braucht, anstatt gekränkt zu sein. Dieses leicht verständliche Buch vermittelt die grundlegenden Schritte zu einer erfolgreichen Kommunikation, bei der alle gewinnen können und die Bedürfnisse aller Beteiligten gleich wert sind, so dass Kommunikation wieder von Einfühlung und Verständnis, statt von Durchsetzen und Rechthaberei getragen wird. Die Methode basiert auf der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg, der weltweit als Mediator bekannt ist und nun seit einigen Jahren sehr erfolgreich auch in Deutschland seinen bahnbrechenden Ansatz vermittelt.

Mein Eindruck

Gewaltfreie Kommunikation (GfK) und Marshall B. Rosenberg – immer mehr Menschen haben zumindest schon davon gehört. Und die Menge an Literatur ist mittlerweile reichlich geworden.

Ein wenig aus der Reihe der mir bekannten GfK-Bücher fällt das kleine, preiswerte Büchlein von Serena Rust.

Auf knappen 169 Seiten (ohne Anhang betrachtet) bietet die Autorin einen Einstieg in das bewährte Kommunikationsmodell. Ihr kleinformatiges Buch gliedert sich grob in drei große Kapitel plus Vorwort, Prolog und Anhang.

Es ist in einer bildhaften Sprache und mit vielen Beispielen geschrieben. Witzige und selbsterklärende Zeichnungen ergänzen den Inhalt. Am Ende des Buches befinden sich noch vier Listen, die gerade in stressigen Kommunikationsmomenten hilfreich sein können, da zum Nachschlagen geeignet: Beispiele für Gefühle, die auf erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse hinweisen, Beispiele für „Interpretations“-Gefühle und Bedürfnisse.

Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas schreibt Frau Rust aus meiner Sicht so lebendig und herzerfrischend, dass vieles schon intuitiv verstanden werden kann. Auch wenn die eigene Umsetzung dann natürlich noch Übung und Reflexion erfordert.

Humor und Leichtigkeit kommen nicht zu kurz, der Aufbau ist so gewählt, dass man gerne auch nur wenige Seiten zwischendurch lesen kann. Dass das ein oder andere Beispiel zwecks Anschaulichkeit ein bisschen überzogen wirkt, stört mich persönlich nicht. Letztlich geht es im Kern ja um einen Perspektivenwechsel. Und der fällt mit deutlichen Beispielen vielleicht etwas leichter.

Wer sich allerdings bei strikt sachlichen Büchern wohler fühlt, sollte eher einen anderen Titel zum Thema GfK wählen.

Ergänzend sei noch angemerkt, dass es ein weiteres Buch von Serena Rust gibt: „Giraffentango – Selbstbewusste Kommunikation in der Partnerschaft“. Es kann unabhängig von meinem Buchtipp gelesen werden, kommt mir persönlich sogar noch nähe. Auch sprachlich empfinde ich es noch klarer in seinen Aussagen als „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt“. Und es ist aus meiner Sicht keinesfalls nur für Paarbeziehungen geeignet, wie der Titel vermuten lässt. Allerdings fehlen in dem Band „Giraffentango“ die oben erwähnten Listen, die den Einstieg in die Gewaltfreie Kommunikation erleichtern und erhellen können. Aus diesem Grund habe ich mich für das blaue Büchlein als Buchtipp entschieden.

Wolfsohren und Giraffenohren – meiner Meinung nach würden unsere privaten und beruflichen Beziehungen ganz grundsätzlich davon profitieren, wenn wir uns mit dieser Art der Kommunikation beschäftigen. Selbst wenn man nur Teile davon umsetzt.

Fazit: Lesenswert – für alle, die einen Einstieg in dieses einfache Modell und gleichzeitig komplexe Thema der Gewaltfreien Kommunikation suchen.

Frohe Weihnachten und alles Gute für 2017!

„Zieh, Stille, in die Herzen ein, im Glanz der Weihnachtslichter,

und leg der Kerzen sanften Schein auf friedvolle Gesichter.“

Alfons Pillach

 

Weihnachtszeit – Zeit innezuhalten und das vergangene Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen Revue passieren zu lassen.

Zeit, um das Alte loszulassen und dem neuen Jahr mit Neugier, Vertrauen und Freude entgegen zu treten.

Weihnachten ist kein Zeitpunkt, auch keine Jahreszeit und erst recht kein Vorspielen von Friede, Freude, Eierkuchen, sich verbiegen oder alles Unangenehme unter den Teppich kehren.

Weihnachten ist eine Art innere Haltung, eine Gefühlslage. Weihnachten entsteht in jedem von uns selbst, wenn wir Wohlwollen, Achtsamkeit, Toleranz und Liebe im Herzen bewahren und an unsere Umwelt verschenken.

Ich wünsche Ihnen frohe, besinnliche, entspannte, friedliche und herzerwärmende Weihnachtstage mit Familie und Freunden. Einen guten Rutsch und ein glückliches, gesundes, friedliches und erfolgreiches Jahr 2017.

Herzlichst, Ihre Angela Diez

Mitgefühl oder Mitleid. Was ist eigentlich der Unterschied?

„Pity is just another form of abuse.“ / „Mitleid ist eine Form der Misshandlung.“
(Michael J. Fox, Interview The Guardian, 06.10.2013)

Wie kommt jemand mit einer so schwerwiegenden Diagnose wie Michael J. Fox dazu, sich so gegen Mitleid auszusprechen? Das klingt im ersten Moment ein wenig seltsam. Nun – hierfür müssen wir vorab vielleicht beleuchten, was der Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl überhaupt ist.

Umgangssprachlich sprechen wir von Mitleid, wenn wir uns sehr gut in die Lage eines anderen versetzen können. Wenn wir dessen Situation als ungerecht oder unverdient oder besonders schlimm empfinden und uns selbst gut vorstellen können, wie es uns in derselben Situation gehen würde. Mitleid (und die daraus resultierende Haltung wie z.B. Hilfsbereitschaft) ist laut Wikipedia im Christentum ein zentraler Begriff. Man kann also davon ausgehen, dass unsere Gesellschaft ziemlich stark von den christlichen Vorstellungen von Mitleid als Tugend und allem, was noch daran hängt, geprägt ist.

Doch das Ganze hat auch einige Aspekte, die meist nicht ganz so geläufig sind. Mitleid kann psychologisch betrachtet sogar ziemlich ungesund sein, und zwar für beide Seiten.

Kennen Sie zufällig das Gefühl, sich gegen entgegengebrachtes Mitleid am liebsten wehren zu wollen? Dann hat sich der Andere „über“ Sie gestellt, demonstriert seine Überlegenheit, ist vielleicht übergriffig und wahrt Ihre Grenzen nicht. Das heißt, dessen Mitleid macht Sie „klein“. Es nimmt Ihnen ein Stück Ihrer Würde, es spricht Ihnen indirekt ab, dass Sie in der Lage sind, Ihr eigenes Leben oder auch nur eine bestimmte schwierige Situation selbst zu meistern. Manchmal wird auch noch Dankbarkeit dafür erwartet, was dann besonders unangenehm werden kann.

Diese Form des Mitleids erschwert, dass Sie selbst die Verantwortung dafür übernehmen können, wie es weiter geht. Das Gefühl der Hilflosigkeit wird verstärkt, was wiederum lähmt und klein macht. Vielleicht empfinden Sie selbst Ihre Situation ja auch gar nicht als bemitleidenswert, der Andere dafür umso mehr. Auch das kann im Miteinander sehr unangenehm sein.

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die „anfällig“ dafür sind, mit anderen mitzuleiden – weil sie selbst nicht in eine derartige Lage kommen möchten oder den anderen sehr mögen. Das kann leicht ausgenutzt werden, man ist leichter manipulierbar. Zu starkes Mitleid kann auch denjenigen lähmen, der mitleidet und dazu führen, dass man nicht mehr zwischen dem anderen und sich selbst unterscheiden kann. Es macht genauso hilflos. Die Grenzen verschwimmen, die eigenen und die fremden Probleme und Gefühle vermischen sich. Eventuell neigt man auch schneller dazu, etwas auf den anderen zu projizieren, was mit demjenigen gar nichts zu tun hat (dafür meist umso mehr mit einem selbst). Wer sehr im Mitleid „hängt“, ist außerdem nicht mehr in der Lage, einem anderen Menschen wirklich zu helfen, falls gewünscht.

Insgesamt lässt sich sagen: Mitleid hilft niemandem. Leid wird nicht dadurch kleiner, dass man mitleidet und sich ebenfalls schlecht fühlt.

Aber was ist nun der Unterschied zu „Mitgefühl“?

Der erste Unterschied ergibt sich schon aus den Worten: Mitleid bedeutet mit-leiden. Mitgefühl bedeutet mit-fühlen.

Mitgefühl ist eine Art herzliche Anteilnahme und hat mit Einfühlungsvermögen und Verständnis auf der Basis von Ebenbürtigkeit und Wertschätzung zu tun. Gleichzeitig ist eine objektive Sichtweise möglich.

Es ist – bildlich gesprochen – wie das Angebot einer herzlichen, tröstenden Umarmung, die von dem Betroffenen angenommen oder auch abgelehnt werden kann. Keiner von beiden fühlt sich dabei hilflos, die Grenze zwischen den eigenen Gefühlen, dem eigenen Leben und der anderen Person sind klar zu spüren. Probleme können da gelassen werden, wo sie hingehören. Ein Hilfsangebot findet auf Augenhöhe statt. Eventuell gewährte Hilfe ist angemessen, sinnvoll und zielführend und idealerweise in Absprache mit dem direkt Betroffenen.

Dies trägt zu einer Verbesserung der Situation bei, auf welche Weise auch immer. Sie lähmt oder schwächt nicht einen oder beide, sondern stärkt und gibt die nötige Kraft, die Dinge anzugehen. Mitgefühl ermöglicht einen Dialog und unterstützt dadurch das Finden von (kreativen) Lösungen. Statt Hilflosigkeit herrscht eher Zuversicht und Hoffnung. Wer Mitgefühl zeigt, nimmt den anderen ernst.

Es lohnt sich also, ein wenig aufmerksamer zu sein in Bezug auf Mitgefühl und Mitleid. Im übrigen lassen sich die Ausführungen auch auf Selbst-Mitleid und Selbst-Mitgefühl übertragen. Selbst-Mitleid hält in einem Gefühl fest, keine Wahl zu haben. Man macht sich dadurch selbst klein und gibt Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeiten aus der Hand. Selbst-Mitgefühl hingegen ist essentiell wichtig. Dadurch spendet man sich selbst Trost, findet neue Kraft und fördert zusätzlich seine Resilienzfähigkeit.

Buchtipp # 9 Das verborgene Netzwerk der Macht. Systemische Aufstellungen in Unternehmen und Organisationen.

(Klaus-Peter Horn, Regine Brick; Verlag Gabal management 2006; ISBN 978-3-89749-122-9)

Klappentext

Die systemische Aufstellung – ursprünglich nur in der Familientherapie angewandt – gilt auch unter Managern zunehmend als Human-Potential-Methode der Zukunft. Gerade in Unternehmen mit komplexen, schwer durchschaubaren Beziehungssystemen kann sie wie ein Navigationsinstrument benutzt werden. Menschen, Teams und Unternehmen sind erfolgreich, wenn sie – ähnlich wie beim Fussball – „gut aufgestellt“ sind, also an ihrem richtigen Platz stehen und entsprechend ihrer Leistung und Position anerkannt werden. Systemische Stimmigkeit erzeugt Synergie.

Dieses Buch zeigt Ihnen anhand zahlreicher Praxisbeispiele, wie Sie die verborgene Intelligenz der systemischen Ebene für Ihr Unternehmen, Ihr Team oder Ihre persönliche Entwicklung nutzen können. Darüber hinaus erhalten Sie Anregungen für das systemische Coaching, mit dem das Makrosystem Unternehmen mit dem Mikrosystem Persönlichkeit verbunden werden kann.

„Das Buch macht mit einer psychologischen Methode bekannt, die vielleicht eine Alternative bieten könnte zu harten Einschnitten in betriebliche Systeme … Es besticht der zutiefst menschliche Ansatz.“ Süddeutsche Zeitung

„Organisationsberatung mit Tiefgang! Wer mit systematischen Ansätzen vertraut ist, findet in dem Buch wertvolle Anregung und Vertiefung.“ Training Aktuell

„Dank vieler ausführlicher … Beispiele aus ihrer Beraterpraxis beginnt auch der anfangs skeptische Leser zu begreifen, wie systematisches Coaching funktioniert … und wie mächtig unbewusstes Wissen wirkt.“ Computerwoche

Mein Eindruck

Endlich mal ein Buch zu (Organisations-) Aufstellungen, dass ich auch Klienten im Business-Kontext gerne empfehle. So könnte ich meinen Eindruck auf den Punkt bringen. Damit Sie sich ein besseres Bild machen können als aus diesem einen Satz, hole ich aber gerne noch ein bisschen aus.

Das Sachbuch gliedert sich nach der Einführung in sechs Hauptkapitel. Die Autoren beginnen mit Erklärungen, was ein System ist und welche Grundsätze dort wirken, Informationen zur Entwicklung der Methode.

Dann folgen viele Beispiele aus der eigenen Berater-Praxis, in denen der Verlauf der Aufstellungen zwar vereinfacht und verkürzt dargestellt wird, was für einen grundsätzlichen ersten Einblick dennoch ausreichend ist.

Es schließt sich ein Kapitel mit Fragen und Antworten aus den eigenen Seminaren an, ein Kapitel, in dem der eigene Ansatz dargestellt wird und am Ende des Buches ein kurzer Fragenkatalog, mit dessen Hilfe jeder sofort einen ersten Blick auf sein eigenes Umfeld werfen kann.

Auf 227 Seiten schaffen es die Autoren meiner Ansicht nach herausragend gut, einen ersten sehr gut strukturierten Ein- und Überblick zu geben, der nicht überlastet und gleichzeitig dennoch nichts Wichtiges außen vor lässt. Gerade auch für (Business-)Kunden mit wenig Zeit und interessierte Laien ein wichtiger Faktor.

Die Seiten sind sehr übersichtlich gestaltet und zur schnelleren Orientierung mit Randnotizen versehen. Die Sprache ist locker und flüssig, das Buch liest sich trotz des komplexen Themas leicht.

Die Fallbeispiele aus dem Unternehmensalltag illustrieren eindrücklich die Einsatzmöglichkeiten. Die Erklärungen des Autorenduos sind ausführlich und geduldig, sie beleuchten auch skeptische Fragen ausreichend und stellen dar, wie die Methode der Systemischen Aufstellung mit anderen Methoden (z.B. Schultz von Thun, Stone) sinnvoll verknüpft werden kann. Selbst Fachleute dürften noch die ein oder andere gute Ergänzung finden.

Besonders gefreut hat mich, dass es neben meiner verstorbenen Mentorin Dr. Evelin Kroschel auch noch andere Berater wie die Autoren Horn und Brick gibt, die konsequent den Weg vom äußeren System (Unternehmen, Organisation, Makrosystem) zum inneren System (Mikrosystem, Persönlichkeitsanteile, Scriptarbeit oder wie man es auch nennen mag) gehen.

Dies ist nicht selbstverständlich und sehr viele Berater und Coaches beschränken sich entweder auf das eine oder das andere. Wobei erfahrungsgemäß für viele Fragestellungen erst in der Kombination das volle Potential der Methode nutzbar wird, Lösungen leichter umgesetzt werden können und Ergebnisse nachhaltiger sind. Und genau diese Erkenntnis wird mit Beispielen aus dem eigenen Ansatz der Autoren informativ und überzeugend dargestellt.

Es ist also ein Buch aus der Praxis für die Praxis und als Einstieg meines Erachtens besser geeignet als die meisten anderen Bücher, die ich zur Systemischen Organisationsaufstellung bisher gelesen habe. Gleichzeitig empfehle ich Interessierten ergänzend die Teilnahme an einem Seminar oder bei Bedarf einen Einzel-Termin bei einem versierten Aufsteller, um ein vollständiges Bild von Methode und Wirkung zu bekommen.

Fazit: Lesenswert – für alle, die menschliche Beziehungssysteme besser verstehen und „gut aufgestellt“ sein wollen.