„Sagen Sie mal, ist die Kindheit wirklich an allem schuld?“

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Neulich im Gespräch fiel (wie so häufig) mal wieder die Frage nach der psychologischen Rolle der Kindheit – ein bisschen ablehnend und ärgerlich, ein bisschen trotzig, ein kleines bisschen neugierig, aber auch ein bisschen bange. Ausgangspunkt für die Frage war ein Beitrag, den der Frager gelesen hatte und von dem er sich nach eigenen Worten „genervt“ fühlt. Weil seine Eltern ja immer ihr Bestes getan hätten und es ungerecht wäre, Eltern pauschal die Schuld an allem zu geben. So wie es in seiner Wahrnehmung die junge Generation ja nun ständig tun würde (in dem Fall vielleicht auch die eigene Tochter, nach der Geburt des ersten Kindes, mit ihren Wünschen und Vorstellungen, wie ich später erfuhr).

Um es vorweg zu nehmen: die Kindheit ist natürlich sehr prägend, ob es einem nun gefällt oder nicht. Es ist allerdings nicht zielführend, der Kindheit bzw. den Eltern „die Schuld“ an etwas zu geben – wenn es doch eher um Ursache und Wirkung geht. Um Zusammenhänge, Verstehen und Verständnis als Basis für Veränderung. Für manche schwer vorstellbar, aber auch Eltern sind nicht im luftleeren Raum aufgewachsen, sondern hatten ihre eigenen Erlebnisse und ein prägendes Umfeld.

Gleichzeitig sollte die eigene Kindheit nie als Ausrede herhalten für Schuldzuweisungen, schädigende oder schädliche Verhaltensmuster, anhaltende/sich wiederholende Themen und Blockaden und ähnliches.

Das ganze Thema ist durchaus komplex und deshalb nicht in einem einzigen Beitrag darzustellen.

Man weiß heute so viel mehr über jegliche Art von Traumata – darunter auch Bindungstraumata, über die unbewusste transgenerationale Weitergabe von emotionalen Erlebnissen und den persönlichen und familiären Umgang (=Familienmuster) damit und darüber, welche Spuren in Körpern, Nervensystemen und Überzeugungen (die zu ganzen Weltbildern werden) hinterlassen werden. Und klar ist, dass ein Nicht-Beachten oder Wegschieben des ganzen Schmerzes, Leids und der destruktiven Muster nicht hilft.

Ein paar Hintergründe

Kindheit, Erziehung, die Rolle der Eltern, Großeltern und sonstigen Bezugspersonen und der Gesellschaft, Erlebnisse, Vorbilder, Familienmuster, inner-familiär gelebte Glaubenssätze usw. – alle Aspekte sind an den Prägungen beteiligt, die im Laufe der Zeit ihre Spuren hinterlassen. Ein Leben lang, von der Geburt bis zum Tod, mal mehr und mal weniger, mal direkt durch eigenes Erleben und mal indirekt durch transgenerationale Weitergabe oder durch Beobachten.

Selbst wenn eine Kindheit von außen betrachtet völlig „normal“ und gut aussieht, kann es Erlebnisse und Umstände geben, die für das Kind hochbelastend waren.

Der entscheidende Unterschied, warum die Kindheit eine besonders bedeutende Rolle spielt, ist: Babys und Kinder sind von ihrer Umwelt abhängig und nehmen Ihre Umwelt auch anders wahr als Erwachsene.

Logisches Denken und Reflektieren entwickelt sich bei Kindern erst noch. Kinder nehmen Stimmungen im Umfeld also direkter auf der Gefühlsebene auf, ihre eigenen Emotionen als Reaktion auf Erlebtes sind manchmal sehr überwältigend und müssen eingeordnet und verdaut werden. Diese Verarbeitung wird wiederum von den Reaktionen der Umgebung maßgeblich beeinflusst – im Idealfall über sichere Begleitung und Co-Regulation der umgebenden Erwachsenen. Was jedoch auch bewusste, reflektierte und regulierte Erwachsene voraussetzt.

Kinder haben elementare Bedürfnisse, die sie sich nicht selbst erfüllen können (im Gegensatz zu Erwachsenen). Sie brauchen neben Nahrung, passender Kleidung, einem Wohn- und Schlafraum und jemandem, der sich nach eigenem Verständnis „doch gut und nach bestem Wissen und Gewissen um alles gekümmert hat“ noch deutlich mehr.

Kinder brauchen für eine gute Entwicklung auch ein dauerhaft sicheres Gefühl, Schutz in vielfältigen Situationen, Verlässlichkeit (was z.B. wiederum dem Sicherheitsempfinden dient), Nähe und emotionale Zuwendung und etwas sehr entscheidendes, das sogar noch darüber hinausgeht: emotionale Erreichbarkeit der Bezugspersonen und Erwachsene, die ihnen helfen, mit ihren eigenen überwältigenden Gefühlen umzugehen.

Erwachsene hingegen können (spätestens mit etwas Übung und Reflexion) jederzeit bewusst zwischen den Ebenen logisches Denken, Gefühl und Intuition wechseln, ja sogar den Übergang von einem zum anderen verfolgen, sich selbst beobachten, in eine Meta-Ebene wechseln, verschiedene Blickwinkel einnehmen, sich von Reaktionen anderer distanzieren oder abgrenzen, das eigene Nervensystem regulieren und vieles mehr.

Kinder sind der Mittelpunkt in ihrer eigenen Welt

Ein weiterer Aspekt: im kindlichen Weltbild ist das Kind eine gewisse Zeit selbst der absolute Mittelpunkt. Das ist völlig normal in der Entwicklung.

Bei Kindern entstehen deshalb ganz andere Interpretationen in Bezug auf Ursache und Wirkung als bei Erwachsenen – die aber im Erwachsenenalter unreflektiert und unbewusst weiterwirken können. Daraus können zum Beispiel grundlegende Themen wie

  • Schuldgefühle
  • Scham
  • geringer Selbstwert
  • andere Personen sind vorrangig
  • Liebe ist an Bedingungen geknüpft
  • und vieles andere mehr

entstehen, die dann zum Problem werden.

Generell gilt: Im Kindesalter werden Erlebnisse grundsätzlich anders wahrgenommen, interpretiert und verarbeitet als bei einem sich selbst reflektierenden Erwachsenen.

Selbst innerhalb der Familie, zum Beispiel unter Geschwistern oder sogar unter Zwillingen, wird sich häufig der eine anders erinnern als der andere. Es kommt in der Hauptsache darauf an, WIE ein Erlebnis hängen bleibt und was jeder individuell daraus macht.

Wenn Sie nun dem auf den Grund gehen, was Sie in ihrer Kindheit geprägt hat, geht es jedoch nie um Schuldzuweisungen (an Familie, andere beteiligte Personen oder gegen sich selbst). Das würde niemandem weiter helfen, am wenigsten Ihnen selbst.

Im Gegenteil: es zementiert nur ein Ohnmachts- und Opfergefühl dem Leben gegenüber und nimmt Ihnen Ihre Freiheit, Ihre Entscheidungs- und Wirkmacht über Ihr eigenes Leben, Ihre Möglichkeit der Weiterentwicklung. Es geht vielmehr um ein Verständnis für Ursachen, Zusammenhänge, Auslöser.

Es geht darum, sich selbst UND andere zu verstehen, mit Abstand neu zu betrachten. Und dann zu entscheiden, ob die eigenen (kindlichen) Interpretationen dieser Erlebnisse und Prägungen und deren Folgen im Erwachsenenalter noch Bestand haben sollen. Welche Sichtweise oder innere Haltung Sie stattdessen einnehmen möchten. Was Ihr neuer Kompass werden soll. Und auch was Ihr Körper – Ihr Nervensystem – braucht, um aus einem belastenden Thema auszusteigen. Und letztlich darum, welche konkreten Schritte Sie jetzt gehen wollen, um eine neue Richtung einzuschlagen.

Ein starkes Ich

Das alles bringt Sie in Ihre eigene Stärke und Selbstverantwortung, verändert den Fokus von der unveränderlichen, da bereits passierten Vergangenheit hin zu den Gestaltungsmöglichkeiten der Gegenwart.

Nutzen Sie Ihre eigene Kindheit als eine Möglichkeit, sich selbst bewusster zu werden und einen neuen Blick auf alles zu wagen. Mit dem Fokus auf sich statt auf andere. Mit Mut und Wohlwollen.

Geben Sie sich für alles ausreichend Zeit. Gehen Sie mit Geduld und Ausdauer an diese Entdeckungsreise heran. Und wenn Sie an Grenzen stoßen oder traumatisierende Ereignisse vorliegen, suchen Sie sich professionelle Hilfe.

Ihre Kindheit ist nicht „schuld“. Dennoch hat sie einen sehr prägenden Einfluss auf Ihr Leben bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sie sich mit ihr auseinandersetzen. Viel Erfolg dabei!

Angela Diez _ Marktplatz 31 _ 91207 Lauf an der Pegnitz
Telefon 09123 7019830 _

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